BERÜHRT WERDEN – Zurück in den Körper nach Krebsoperation
Abbildung 1: Teamfoto der AG Löffler
TEAM
Oben von links nach rechts das Forschungsteam der BERÜHRT WERDEN-Studie: Prof. Dr. med. Claudia Löffler (Leitung Integrative Onkologie), Michaela Arnold (Studienärztin), Kerstin Deubner (Fachpflege Integrative Onkologie).
Das Team von Komplementäre Onkologie Integrativ unter der Leitung von Prof Dr. med. Claudia Löffler besteht derzeit aus einer Ärztin, zwei Sportwissenschaftlerinnen, zwei Ernährungswissenschaftlerinnen, zwei Pflegekräften und zwei Studienassistentinnen. Gemeinsam machen wir uns in der Patientenversorgung und der Forschung stark für den Aufbau von Ressourcen zur Bewältigung einer Krebserkrankung. Dazu gehören ein gesundheitsförderlicher Lebensstil (Ernährung, Sport, Umgang mit Stress), aber auch der Aufbau von Gesundheitskompetenz im Hinblick auf das integrativmedizinische Management von Akut- und Spätfolgen der Krebstherapie (Empowerment).
Abbildung 2: Berührung als Zugang zum eigenen Körper – von äußerer Unterstützung zur Selbstwahrnehmung und Regulation.
Links: Unterstützende Berührung
Rechts: Selbstberührung und Regulation
Motivation und Innovation
Eine Krebsoperation rettet Leben – aber sie verändert auch das Erleben des eigenen Körpers. Narben, Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder Spannungszustände führen häufig dazu, dass Betroffene ihren Körper als „fremd“ oder „nicht mehr vertrauenswürdig“ erleben. Besonders anhaltende postoperative Schmerzen können dazu beitragen, dass sich Menschen innerlich von ihrem Körper distanzieren. Diese Entfremdung beeinträchtigt Lebensqualität, Bewegung, Schlaf und psychosoziale Stabilität erheblich.
Gleichzeitig betrifft eine solche Veränderung nie nur die betroffene Person selbst. Auch Partnerschaften, familiäre Beziehungen und das soziale Umfeld sind mitbetroffen. Körperliche Nähe wird unsicher, Berührungen werden vermieden oder vorsichtiger eingesetzt, und nicht selten entsteht auf beiden Seiten – bei Betroffenen wie bei Angehörigen – eine Form von Hilflosigkeit im Umgang mit der veränderten Situation.
Während die medizinische Nachsorge sich primär auf Wundheilung und Tumorkontrolle konzentriert, bleibt der Wiederaufbau eines positiven Körperzugangs sowie der Umgang mit Berührung im sozialen Kontext bislang wenig systematisch adressiert. Hier setzt unser Projekt an.
Wir entwickeln ein strukturiertes, berührungsmedizinisches Nachsorgeangebot, das Menschen nach Krebsoperationen dabei unterstützt,
- Schmerzen besser zu regulieren
- Sicherheit im eigenen Körper wiederzuentdecken
- Narbenregionen behutsam zu integrieren
- Vertrauen in Bewegung und Alltag zurückzugewinnen
- sowie Berührung als verbindendes Element in Beziehungen wieder zugänglich zu machen
Berührung ist ein grundlegendes menschliches Regulationsinstrument. Sie wirkt auf neurobiologischer Ebene schmerzlindernd, stressreduzierend und stabilisierend. Unser Ansatz verbindet medizinisches Wissen über Schmerzphysiologie mit achtsamkeitsbasierter Körperarbeit und manualtherapeutischen Elementen.
Das Projektteam ist überzeugt: „Wenn Patientinnen und Patienten ihren Körper wieder als sicheren Ort erleben, beginnt Heilung auf einer neuen Ebene.“
Das Projekt adressiert damit eine bislang wenig systematisch berücksichtigte Dimension der onkologischen Nachsorge: die Wiederherstellung von Körperzugang und Sicherheit durch gezielte berührungsbasierte Interventionen.
Welche Ziele verfolgt das Projekt?
Ziel ist es, die Lebensqualität von Menschen nach Krebsoperationen nachhaltig zu verbessern – sowohl auf individueller als auch auf sozialer Ebene. Das Angebot richtet sich primär an Patientinnen nach gynäkoonkologischen Operationen, ist jedoch perspektivisch auch auf andere onkologische Patientengruppen übertragbar.
Primäre Zielsetzung
Primäre Zielgröße ist die Verbesserung der Körperwahrnehmung und des Zugangs zum eigenen Körper (z. B. gemessen mit der Multidimensional Assessment of Interoceptive Awareness, MAIA).
Ko-primär wird die Reduktion postoperativer Schmerzen untersucht (Numerische Ratingskala, NRS), sofern Schmerzen vorliegen.
Diese duale Zielsetzung trägt der klinischen Realität Rechnung, dass Einschränkungen der Körperwahrnehmung häufig auch unabhängig von relevanten Schmerzen bestehen.
Sekundäre Ziele
- Unterstützung der Entwicklung eines positiven und integrierten Körperbildes
- Selbstwirksamkeit im Umgang mit körperlichen und emotionalen Belastungen
- Stärkung von Sicherheit und Vertrauen in Bewegung
- Verbesserung der Schlafqualität und nächtlichen Erholung
- Erleichterung des Umgangs mit körperlicher Nähe in Partnerschaft und Familie
- Stärkung von Verbundenheit und Stabilität im sozialen Umfeld
Projektstruktur
Das Angebot ist als strukturiertes, interdisziplinär begleitetes Nachsorgeprogramm konzipiert und umfasst eine Kurzintervention über mehrere Wochen (z. B. 6–8 Termine à 60–90 Minuten), die bei Bedarf durch individuelle Einheiten ergänzt werden kann.
Im Mittelpunkt stehen aufeinander abgestimmte therapeutische Bausteine, die Körperwahrnehmung, Regulation und Integration im Alltag fördern:
- Psychosomatische Beratung zur Einordnung der körperlichen, emotionalen und sozialen Situation
- Achtsame, nicht-invasive Berührungsanwendungen zur Förderung von Körperwahrnehmung, Interozeption und Regulation
- Anleitung zu berührungsbasierten Selbstübungen
- Edukation zur Schmerzverarbeitung und zum Umgang mit dem eigenen Körper
- Unterstützung bei der Integration der Inhalte in den Alltag
Ergänzend werden Angehörige und Partner gezielt einbezogen. Sie erhalten Orientierung im Umgang mit Berührung nach der Operation sowie einfache, alltagstaugliche Möglichkeiten, unterstützend tätig zu sein. In diesem Rahmen wird auch die Wiederannäherung in Partnerschaften berücksichtigt, mit dem Ziel, Unsicherheiten abzubauen und Berührung wieder als verbindend und sicher erlebbar zu machen.
Optional können kleine Gruppenformate den Austausch unter Betroffenen fördern und sozialer Isolation entgegenwirken. Das Angebot ist bewusst niedrigschwellig konzipiert und ohne spezielle Vorerfahrung zugänglich.
Das Konzept wird im klinischen Setting erprobt und ist mit den vorhandenen personellen Ressourcen umsetzbar.
Evaluation
Die Wirksamkeit des Programms wird wissenschaftlich begleitet und mittels Vorher-Nachher-Erhebungen untersucht.
Primäre Zielgrößen:
-
-
- Körperwahrnehmung (z. B. MAIA)
- Schmerzintensität (Numerische Ratingskala, NRS; sofern relevant)
-
Sekundäre Zielgrößen:
-
-
- Lebensqualität (EORTC QLQ-C30)
- Psychosoziale Belastung (PHQ-4)
- Selbstwirksamkeit (SWE)
-
Ergänzend werden Veränderungen im Körperbild, im Sicherheitserleben sowie im Umgang mit körperlicher Nähe explorativ erfasst. Die Ergebnisse dienen der Weiterentwicklung und bilden die Grundlage für eine mögliche breitere Implementierung des Konzepts.
Warum soll das Forschungsprojekt unterstützt werden?
Viele Menschen überleben Krebs – aber sie kämpfen lange mit den körperlichen und seelischen Folgen der Therapie. Bleibende Schmerzen, sozialer Rückzug und Unsicherheit im eigenen Körper werden häufig als individuelles Problem erlebt, obwohl sie strukturell unzureichend adressiert sind.
Mit unserem Projekt adressieren wir eine bislang unzureichend berücksichtigte Dimension der Nachsorge: den Bereich zwischen medizinischer Behandlung und dem Erleben von Sicherheit im eigenen Körper sowie in zwischenmenschlicher Nähe.
Wir geben Betroffenen konkrete Werkzeuge an die Hand, um wieder in Beziehung zu ihrem eigenen Körper zu treten – und unterstützen zugleich ihr soziales Umfeld dabei, diesen Prozess aktiv mitzutragen.
Das Projekt stärkt damit nicht nur die individuelle Selbstkompetenz, sondern auch die Beziehungen, in denen Genesung stattfindet.
Im Sinne der Werte des Barbara Stamm Gedächtnispreises – Menschlichkeit, soziale Verantwortung und konkrete Unterstützung in belastenden Lebenssituationen – trägt das Projekt unmittelbar zur Verbesserung der Lebensqualität von Betroffenen und ihren Angehörigen bei.
Unser Ziel ist es, dass Menschen nach einer Krebsoperation nicht nur überleben – sondern sich wieder lebendig fühlen.
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